
…Nun, ich klomm die brüchige Treppe hinauf und stand unversehens, wie durch ein Wunder, ganz schlicht auf der Platform meiner San Tommaso Kirche im parallen Sonnenschein …
…Ich stand im klaren, prallen Sonnenschein auf einer Platform, die im Licht hing. Dicht under mir das Gewirr der Ziegeldächer des Ortes mit dem blaßblauen Wasser dahinter, tiefer unten. Und mir gegenüber,von Angesicht, erhob sich jenseits des Sees die klare, schneebedeckte Bergwelt, scheinbar in gleicher Höhe, wenn auch in Wirklichkeit weit Über meinem Standort…
…während ich so den Hades des Zitronen-Hauses durchforsche, erinnern mich die vielen rötlichen, dicht angesetzten Orangen neben dem Pfad an die Lichter des Dorfes am nächtlichen Seeufer, während über mir die Zitronen blaß wie die Sterne wirken. Ich spüre den zarten, köstlichen Duft von Zitronenblüten …
(D.H. Lawrence)
David Herbert Lawrence verließ London Anfang August 1912, zusammen mit Frieda, der Tochter des deutschen Barons von Richthofen.
Frieda war die Frau eines englischen Professors, aber irrsinnig verliebt in Lawrence und zur Scheidung entschlossen. Daher verließ sie ohne zu zögern ihren Mann und ihre Kinder, um jede Verbindung mit der Vergangenheit abzubrechen, und unternahm zusammen mit Lawrence eine Reise in Etappen, die sie nach Süden führte.
Die beiden gingen direkt nach Metz, wo sich Friedas Eltern und Schwestern aufhielten. Danach verweilten sie an verschiedenen Orten in Deutschland, erreichten schließlich Österreich und gelangten über Tirol und Trient an den Gardasee in Riva, das seinerzeit noch innerhalb der österreichischen Staatsgrenze lag.
Von Riva aus machten sie einen Abstecher nach Torbole, wo Frieda nach einem gewissen roten Haus schmachtete. Das für sie richtige Haus fanden sie jedoch im September 1912 in Villa di Gargnano, wo ein gewisser Herr Pietro De Paoli ihnen eine möblierte Wohnung im ersten Stockwerk eines Gebäudes vermietete, das einen kleinen Garten mit Blumenbeeten besaß und den Namen Villa Igea trug (noch heute unter Hausnummer 44 in Via Colletta zu sehen).
Gargnano war somit für Lawrence der erste Kontakt mit Italien, und Villa Igea blieb das Heim der beiden bis zum März 1913. Nach Ostern übersiedelten sie für einige letzte Tage am Gardasee nach San Gaudenzio, einer Ortschaft in der Nähe von Muslone und nur wenige Kilometer von Gargnano entfernt.
Die Zeit am Gardasee war für Lawrence sehr geschäftig. In Villa Igea korrigierte er die letzten Probeabzüge seiner ersten Lyriksammlung, beendete auch den Roman, der vielleicht sein Meisterwerk darstellt, Söhne und Liebhaber (Sons and lovers), und schrieb ein Theaterstück, das eben in Villa Igea spielte und in dem er sich vorstellte, Friedas Eltern und ihr Ehemann seien auf ihn eingestürmt, um sie ihm streitig zu machen. Darüber hinaus begann er einen neuen Roman, Das verlorene Mädchen (The lost girl).
Die Arbeiten, die wohl am eindrucksvollsten Lawrence’s Aufenthalt in Gargnano widerspiegeln sind die Briefe (The letters) und Italienische Dämmerung (Twilight in Italy). Diese beiden sind die Werke, die am besten das Interesse bezeugen, das der ethnische Aspekt des Gardasees in Lawrence weckte. Wir empfehlen Ihnen eine vollständige Lektüre dieser Werke, bevor Sie nach Gargnano kommen.
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